Autismus
Was ist Autismus?
Hat davon nicht jeder schon einmal gehört? Vielleicht im Fernsehen? Filme wie “Rain Man” haben es doch gezeigt: Autisten sind Menschen, die nicht mit ihren Mitmenschen kommunizieren, aber dafür ganz “skurile” Fähigkeiten haben. Sie lernen Telefonbücher auswendig oder sie beantworten die Frage nach dem Ergebnis des Bundesligaspiels des FC Bayern München am 9. Spieltag der Saison 1977 / 78 sofort damit, dass Schalke04 mit 7:1 besiegt wurde, wobei das 7. Tor für Bayern ein Eigentor des Gegners in der 90. Minute war - ohne dass sie je ein Fussballspiel angeschaut haben!
Andere verbinden mit dem Begriff Kinder, die nicht sprechen und den ganzen Tag ihren Kopf gegen die Wand schlagen.
Reality Check
Menschen wir den “Rain Man” gibt es wirklich. Sie sind aber die absolute Ausnahme auch unter den Autisten. Das angesprochene, nicht sprechende Kind ist ebenfalls ein extremes Beispiel. Diese extremen Ausprägungen sind Ausnahmen, aber natürlich ist das medienwirksam und prägt die öffentliche Meinung.
Was ist die offizielle Definition?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Autismus in ihrem aktuellen Diagnosekatalog (ICD-10) als “tiefgreifende Entwicklungssötung”, wobei die Schlüssel F84.0 (”frühkindlicher Autismu”), F84.1 (”Atypischer Autismus”) und F84.5 (”Asperger Syndrom”) dafür vergeben wurden. Der ICD definiert nicht, wodurch er verursacht wird, sondern nur dass es “qualitative Abweichungen” in der sozialen Interaktion, der Kommunikation und und ausgeprägte “Spezialinteressen” oder “Rituale” geben muss. Ausserdem müssen diese Merkmale seit der Kindheit vorliegen und es darf keine anderen Erklärungen dafür geben. Genauere Informationen hierzu liefert z.B. die Wikipedia in ihrem Artikel über Autismus oder der Artikel bei Onmeda.
Was gehört nicht zur offiziellen Definition?
Viele autistische Menschen haben bemerkenswerte Fähigkeiten - nein, meist nicht so wie “Rain Man”, aber doch bemerkenswert. Sie kennen sich oft schon als Kind in einem Spezialgebiet viel besser aus, als man es in diesem Alter sonst erwartet. Viele haben auch kreative Fähigkeiten, können gut malen oder musizieren. Typisch ist ein Sinn für Details und Präzision und oft auch ein gutes Langzeitgedächtnis. Schon als Kind haben viele einen bemerkenswerten Sinn für Gerechtigkeit und können durchaus auch einen sozialen Beitrag leisten - dann gerade auch weil sie soziale Regeln nicht “einfach so” befolgen.
Ein kontinuierliches Spektrum
Der ICD definiert nicht, wie stark die Abweichungen für eine entsprechende Diagnose sein müssen. Beim Asperger Syndrom darf die allgemeine Entwicklung ausdrücklich nicht verzögert sein, beim frühkindlichen Autismus wird hierzu keine Aussage getroffen. Im wahren Leben sind autistische Menschen sehr unterschiedlich. Im “autistischen Spektrum” gibt es einige Menschen, die den oben beschriebenen Vorstellungen durchaus nahe kommen, aber auch viele, denen man den Autismus nur anmerkt, wenn man sie gut kennt, sie können sozial gut integriert und beruflich erfolgreich sein. Dazwischen gibt es “alles”. Es gibt auch Menschen, von denen man nicht eindeutig sagen kann, ob sie autistisch sind und auch solche, die “autistische Züge” haben, aber nicht so ausgeprägt, dass ein Fachmann ihnen Autismus diagnostizieren würde.
Ist Autismus “schlimm”?
Hierzu sind die Auffassungen sehr unterschiedlich. Von vielen Eltern, aber auch einigen Betroffenen wird der Wunsch nach einer “Heilung” geäussert. Viele Betroffene wünschen sich aber eher, akzeptiert zu werden, wie sie sind - ohne den Versuch einer “Heilung”, weil sie Autismus als wichtigen Bestandteil ihrer Persönlichkeit sehen. Viele Autisten entwickeln Depressionen, Ängste oder werden Opfer von Mobbing. Meiner Ansicht nach entstehen die meisten Probleme nicht durch den Autismus an sich sondern durch die Konfrontation mit einer Umwelt, die jede Andersartigkeit ablehnt.
Was verursacht Autismus?
Heute geht man allgemein von genetischen Ursachen aus. Ansichten, Autismus entstehe durch Vernachlässigung in der frühen Kindheit sind veraltet und heute nicht mehr haltbar. Gelegentlich wurden Umweltgifte oder Nebenwirkungen von Impfstoffen dafür verantwortlich gemacht, aber dafür gibt es keine nennenswerte wissenschaftliche Anerkennung.
Gibt es viele Autisten?
Niemand weis genau, wie viele es wirklich gibt. Das hängt auch entscheidend davon ab, wo man die Grenze zwischen “Autismus” und “nicht Autismus” zieht. Das aktuelle Buch von Tony Attwood nennt eine Häufigkeit von 1:250. Damit würden auf der Welt 24 Millionen Autisten leben und die meisten Menschen werden auch einen persönlich kennen, oft ohne es zu wissen.
Therapien und Heilung
Keine bisher bekannte Therapie und kein Medikament kann Autismus “heilen”, auch wenn das von unseriösen Anbietern manchmal versprochen wird. Therapien können helfen, das Leben besser zu meistern oder ein besseres Verständnis der Kommunikation der anderen Menschen zu entwickeln. Meiner Ansicht nach sollte dabei nicht stupides “Pauken” sozialer Regeln sondern die Entwicklung der Persönlichkeit und des Menschen als Ganzes im Vordergrund stehen.
Wie sind die Perspektiven?
Das ist individuell sehr verschieden. Einige Menschen sind sehr schwer betroffen und bleiben ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen. Viele leichter Betroffene wissen oft über Jahrzehnte gat nichts davon. Sie sind im Arbeitsmarkt integriert. Viele haben auch Familie und Kinder oder zumindest den Wunsch danach. Sie bilden auch selbst soziale Netzwerke mit Freunden, Freizeitaktivitäten oder Foren im Internet. Manche gehen bestimmte Schritte wie zum Beispiel die erste Liebe erst deutlich später als andere Menschen. Das liegt nicht nur an den Autisten selbst, sondern auch daran, dass die umgebenden Menschen ab einem gewissen Alter verständnisvoller sind und andere Erwartungen stellen.