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Christian Köhler - Autismus Blog

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Aus den Augen aus dem Sinn?

November 23rd, 2008 by admin

Laut der entglischsprachigen Wikipeda könnte sich das Asperger Syndrom bei immerhin 20% der Betroffenen nach der Kindheit “auswachsen”…. Meiner Meinung nach sollte man das kritisch hinterfragen.

Prognosis

There is some evidence that as many as 20% of children with AS “grow out” of it, and fail to meet the diagnostic criteria as adults.

http://en.wikipedia.org/wiki/Asperger_syndrome#Prognosis

Die dort angegebene Quelle steht mir leider nicht zur Verfügung zur Einsicht. 

Angesichts dessen, dass viele Betroffene berichten, dass sie Autismus als untrennbar tief verwurzelt in ihrem selbst empfinden, scheint ein tatsächliches “Auswachsen” des Syndroms zumindest fraglich.

Auf der anderen Seite machen sich viele Betroffene, die eine Diagnose anstreben, ernsthaft Sorgen, dass eine Diagnose nicht mehr möglich wäre. Sie berichten, dass sie ihr Leben lang daran gearbeitet haben, in der Gesellschaft nicht aufzufallen und dafür auch einen höhen Preis bezahlt haben - mit dauernder Verstellung bis hin zur perfekten “Schauspielkunst”. 

Es gibt auch immer wieder Menschen, bei denen das Asperger Syndrom sogar diagnostisch ausgeschlossen wurde - obwohl sie sich sehr darin und in den Erfahrungsberichten von anderen wieder finden. Sie stehen dann vor dem Problem, keine weitere Hilfe bekommen zu können.

Das Zitat aus der Wikipedia zeigt meiner Meinung nach ein grundsätzliches Problem der Diagnosekriterien. Se basieren weitgehend auf Verhaltensbeobachtung von aussen. Jemand mit Autismus muss sich “unangemessen” verhalten, wer sich “angemessen” Verhält (was immer das genau heissen mag), ist nicht betroffen. Wie dieses Verhalten zustande kommt, wird dabei erstmal nicht berücksichtigt. Wenn jemand in der Kindheit durch langes Training gelernt hat, Gesichtsausdrücke zu verstehen, ist das entsprchende Symptom damit weg? Ich fürchte, dass es oft so interpretiert wird, vor allem auch bei Erwachsenen, die nicht schon lange Zeit im Hinblick auf das Thema “beobachtet” wurden. 

Noch viel schlimmer finde ich, wenn “wegtrainierte” Symptome als unrealistische Erfolge verkauft werden - Abfall ist schliesslich auch nicht “weg”, nur weil man ihn irgendwo verbuddelt hat. Leider wurde mit dieser “Aus den Augen aus dem Sinn” Denkweise sogar eine Heilung propagiert und dafür abkassiert. Scharlertane gibt es überall. 

Wie geht man mit dem Problem der Erwachsenen um, bei denen keine AS Diagnose (mehr) gestellt werden kann? Auch der beste und kompetenteste Diagnostiker kann nicht mit absoluter Sicherheit wissen, wie ein bestimmtes Verhalten eines Menschen zu Stande kommt. “Bessere” Kriterien oder zur Diagnose haben wir nicht und andere Untersuchungsmethoden stehen auch nicht zur Verfügung. Ein Diagnoseverfahren wäre auch sinnlos, wenn man die Diagnose “jedem” geben würde, das würde auch niemandem helfen. Mit diesem Problem werden wir wohl auf absehbare Zeit leben müssen. 

Ich finde aber, die Qualität der DIagnoseangebote liesse sich auf andere Weise deutlich verbessern. Niemand geht dort hin ohne einen vernünftigen Grund. Jemand, der keinen Autismus hat, müsste demnach andere Besonderheiten aufweisen. Auch eine “negative” Diagnose würde helfen und würde auch leichter akzeptiert, wenn sie einen klaren Hinweis beinhalten würde, wo die Probleme denn sonst liegen könnten, also eine Differentialdiagnostik. Wenn jemand Probleme in dieser Richtung hat, es aber eine “bessere” Erkärung gibt als AS, ist das eine sehr nützliche Erkenntnis. Wenn der Diagnostiker selbst keine zutreffendere Erklärung findet, sollte das ein Anlass sein, noch einmal hinzuschauen, ob nicht doch künstliche Anpassungen und lebenslange “Konditionierung” die klassischen Symptome einfach nur verdecken. Leider bekommen die Klienten oft keinerlei Hinweis in diese Richtung. 

Auch in mögliches “Auswachsen” von Autismus würde ich unter diesem Gesichtspunkt sehr kritisch hinterfragen. Man kann nicht daraus schliessen, dass jemand als Erwachsener “besser zurechtkommt”, dass der Autismus “weg” ist. Genauso wenig sollte man aber aus der Annahme, dass Autismus sich nicht “auswachsen” kann schliessen, dass sich die Perspektiven der Betroffenen nicht verbessern könnten.

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