Selbst als Teil einer Gruppe - wo gehört man hin?
Es wird viel darüber gesprochen, dass unser Hauptproblem wäre, andere Menschen und deren Gefühle einzuschätzen. Es gibt einen anderen Aspekt, den ich - zumindest für mich selbst - für schwieriger halte: Welches Umfeld ist für mich eigentlich “richtig”, und welchen Platz habe ich selbst darin….
Als ich noch zur Schule ging, ab der Mittelstufe, war eine der ersten Fragen, die mir jemand stellte, den ich noch nicht kannte: “Welche Musik hörst du?”.
Meist wusste ich diese Frage nicht recht zu beantworten. Es war nicht so, dass Musik mir nichts bedeutet hätte, ich ging im Gegenteil jahrelang mit grosser Freude zur Musikschule. Das blosse hören von Musik hatte für mich aber nicht so viel Bedeutung, auch das Anhimmeln von Stars war mir weitgehend fremd. Bei einem Gespräch in der Schule sagten andere, dass meist diejenigen, die die gleiche Musikrichtung hörten, auch sonst zusammen “herumgehangen” haben. Sicher, das mochte praktische Vorteile haben; Freunde können leichter CDs austauschen, wenn man einen ähnlichen Geschmack hat oder man kann sich leichter einigen, in welche Disco es am Abend sein soll. Trotzdem war es für mich schwer fassbar. Ich mochte Erdbeereis. Sollte jemand nicht mein Freund sein, wenn er Vanille oder Schoko bevorzugte? Es war für mich auch schwer fassbar, als wir in Musik über verschiedene Musikrichtungen sprachen und auch über damit verbundene Lebenseinstellungen.
Ähnlich war es auch mit Kleidung. Natürlich musste sie Schutz vor Wärme bieten, also einen praktischen Zweck erfüllen. Ausserdem mag jeder Mensch z.B. bestimmte Farben, ich auch und so sollte es mir selbst gefallen. Allerdings dass Kleidung auch ein Ausdruck von Einstellung oder Gruppenzugehörigkeit sein könnte, war für mich schwer fassbar.
So beteiligte ich mich nicht bewusst an diesen Dingen, und blieb nicht (nur) aussen vor, weil man mich nicht “aufgenommen” hätte, sondern auch, weil ich mich selbst nicht “einordnen” konnte. Also sagen konnte, zu welcher Gruppe von Leuten gehöre ich eigentlich, oder wie sind Menschen, die zu mir passen?
Später war ich aktiv in der Schülervertretung. Dort traf ich auf andere, die mich besser aufgenommen haben und mit denen ich auch mehr anfangen konnte. Allerdings sah ich immer nur einzelne Leute, habe nicht gemerkt, dass es ein anderes Umfelt war, das mir isngesamt hätte helfen können und dass ich daraus hätte mehr machen können. Dass man mich für ein Amt in der SV überhaupt gewählt hatte, kam für mich völlig überraschend. Eine Veränderung meiner Position dort - nach sehr schwierigen Jahren - konnte ich nicht spüren.
Später, bei Kursen in einer Kunstschule hatte ich schon das Gefühl, hier passt es für mich besser und das ging über einzelne Personen hinaus, aber wirklich ausbauen konnte ich das auch noch nicht.
Eine richtige Lösung für das Problem habe ich nicht. Aber inzwischen ist es mir zumindest bewusst und ich merke auch, dass es sich mit der Zeit und zunehmender Erfahrung ändert.
Meiner Meinung nach wird bei Autismus sehr viel über die unmittelbare, spontane, kurzfristige Wahrnehmung von anderen gesprochen, oder auch über Verhalten gegenüber anderen. Die bewusste Wahrnehmung, welche Rolle man selbst in dem Miteinander spielt, kommt meiner Meinung nach oft zu kurz. Dabei wäre gerade das sehr wichtig, wenn man eine Nische finden möchte, in der man gut leben kann, ohne sich zu sehr verstellen zu müssen…
Posted in Allgemein, Autismus - Beispiele und Geschichten |
November 12th, 2008 at 07:34
finde mich in einigem was du schreibst wieder.
ich war klassensprecherin, schulsprecherin und ausbildungsprecherin. meine nach vorne tretende art und die vehemenz meiner handlung (helfersyndrom) hat viele motiviert mir ihre stimme zu geben und mich durch sie vertreten zu lassen.
letztendlich hilft es zwar den “schwachen”. die starken (lehrer, chefs) kicken einen ganz schnell raus …. querulanten sind auf dieser ebene nicht erwünscht!
November 19th, 2008 at 05:27
Hallo Christian,
Du hast das alles sehr gut analysiert.
Ich weiß gar nicht, wann ich überhaupt damit angefangen habe, bewusst über solche Dinge nachzudenken…über Dinge wie „Welche Gruppen gibt es um mich rum (in meiner Klasse, der Schule oder darüber hinaus), wo könnte ich dazu gehören?“
In der Ausbildung zur Erzieherin gab es das Fach „Soziologie“, das ich sehr interessant fand. Da gab es alle möglichen Begriffe wie Fremd- und Selbstgruppe. Aber habe ich das, was ich da lernte, überhaupt mit mir in Beziehung gesetzt?
Ich habe mich immer als Einzelne gesehen, und auch die Menschen um mich rum, das waren und sind nach wie vor Einzelwesen für mich. Gruppenzugehörigkeiten habe ich lange Zeit gar nicht wahrgenommen,…inwieweit tue ich das heute?
Möglicherweise immer noch in nur sehr eingeschränktem Maße. Außerdem sehe ich in erster Linie die offensichtlichen Merkmale, nach denen sich die Gruppenzugehörigkeit entscheidet.
Beispiel:
Ich sang im Schul- und Kirchenchor. Also gehörte ich meiner Meinung nach dazu. Wenn ich heute so darüber nachdenke, kommen mir jedoch massive Zweifel an dieser mir so simpel erscheinenden Ausage. Ich ging dorthin, um zu singen. Die Musik ließ mich in meine eigene Welt abtauchen, und die bestand, solange ich denken kann, aus Bildern und Gefühlen, und durch das Singen konnte ich ganz in ihr versinken.
Mit den anderen im Chor wechselte ich vielleicht mal ein Wort, wenn ich angesprochen wurde. Ansonsten dürften die Chorleiter mit mir zufrieden gewesen sein. Wegen meines Störens und Dazwischenquatschens mußten sie jedenfalls nicht wütend rumbrüllen. Ich war eine brave Chorsängerin, aber ganz bestimmt nicht aktives Mitglied in der Gruppe der Chorsänger. Ich war und blieb auch im Chor für mich,….und hatte damals auch gar kein Problem damit.
Erst mit 30 Jahren fing ich langsam an zu erkennen, dass sich um mich herum die Frauen zu Gruppen arrangierten, verabredeten, trafen,….und ich nie gefragt wurde, ob ich mitmachen wollte, auch nicht von Frauen, für die ich mittlerweile Sympathie empfand. Und erst da begann ich langsam zu begreifen, dass ich immer außen vor stand, und ich wurde traurig und wütend.
Bevor ich mir also darüber klar werden kann, zu welcher Gruppe ich gehören möchte, in welche ich gut reinpasse, muss ich überhaupt erst mal wahrnehmen, welche Gruppen es gibt, über das Offensichtliche hinaus.
Bei mir zumindest hat diese Wahrnehmung erst sehr spät begonnen, und von da an habe ich mich eigentlich immer mehr von allen Gruppen distanziert, weil ich nun auch langsam die (meist hierarchischen) Strukturen in den Gruppen erkannte, und das zumindest weiß ich:
Eine Gruppe, der ich angehören möchte, darf keine Hierarchien aufweisen, keine Wortführer, die sagen, wo es lang geht, was angeagt ist etc.
Ich bin immer noch auf der Suche, wo es diese Gruppen geben könnte.
Hast Du sie inzwischen gefunden, Christian?
Liebe Grüße von Elisabeth
November 19th, 2008 at 10:41
Hallo Christian,
Du hast das alles sehr gut analysiert.
Ich weiß gar nicht, wann ich überhaupt damit angefangen habe, bewusst über solche Dinge nachzudenken…über Dinge wie „Welche Gruppen gibt es um mich rum (in meiner Klasse, der Schule oder darüber hinaus), wo könnte ich dazu gehören?“
In der Ausbildung zur Erzieherin gab es das Fach „Soziologie“, das ich sehr interessant fand. Da gab es alle möglichen Begriffe wie Fremd- und Selbstgruppe. Aber habe ich das, was ich da lernte, überhaupt mit mir in Beziehung gesetzt?
Ich habe mich immer als Einzelne gesehen, und auch die Menschen um mich rum, das waren und sind nach wie vor Einzelwesen für mich. Gruppenzugehörigkeiten habe ich lange Zeit gar nicht wahrgenommen,…inwieweit tue ich das heute?
Möglicherweise immer noch in nur sehr eingeschränktem Maße. Außerdem sehe ich in erster Linie die offensichtlichen Merkmale, nach denen sich die Gruppenzugehörigkeit entscheidet.
Beispiel:
Ich sang im Schul- und Kirchenchor. Also gehörte ich meiner Meinung nach dazu. Wenn ich heute so darüber nachdenke, kommen mir jedoch massive Zweifel an dieser mir so simpel erscheinenden Ausage. Ich ging dorthin, um zu singen. Die Musik ließ mich in meine eigene Welt abtauchen, und die bestand, solange ich denken kann, aus Bildern und Gefühlen, und durch das Singen konnte ich ganz in ihr versinken.
Mit den anderen im Chor wechselte ich vielleicht mal ein Wort, wenn ich angesprochen wurde. Ansonsten dürften die Chorleiter mit mir zufrieden gewesen sein. Wegen meines Störens und Dazwischenquatschens mußten sie jedenfalls nicht wütend rumbrüllen. Ich war eine brave Chorsängerin, aber ganz bestimmt nicht aktives Mitglied in der Gruppe der Chorsänger. Ich war und blieb auch im Chor für mich,….und hatte damals auch gar kein Problem damit.
Erst mit 30 Jahren fing ich langsam an zu erkennen, dass sich um mich herum die Frauen zu Gruppen arrangierten, verabredeten, trafen,….und ich nie gefragt wurde, ob ich mitmachen wollte, auch nicht von Frauen, für die ich mittlerweile Sympathie empfand. Und erst da begann ich langsam zu begreifen, dass ich immer außen vor stand, und ich wurde traurig und wütend.
Bevor ich mir also darüber klar werden kann, zu welcher Gruppe ich gehören möchte, in welche ich gut reinpasse, muss ich überhaupt erst mal wahrnehmen, welche Gruppen es gibt, über das Offensichtliche hinaus.
Bei mir zumindest hat diese Wahrnehmung erst sehr spät begonnen, und von da an habe ich mich eigentlich immer mehr von allen Gruppen distanziert, weil ich nun auch langsam die (meist hierarchischen) Strukturen in den Gruppen erkannte, und das zumindest weiß ich:
Eine Gruppe, der ich angehören möchte, darf keine Hierarchien aufweisen, keine Wortführer, die sagen, wo es lang geht, was angeagt ist etc.
Ich bin immer noch auf der Suche, wo es diese Gruppen geben könnte.
Hast Du sie inzwischen gefunden, Christian?
Liebe Grüße von Elisabeth
November 19th, 2008 at 10:54
Hallo Elisabeth,
Sie haben das sehr schön beschrieben.
Ich bin jetzt 31 Jahre alt und das Verständnis für diese Dinge “kommt” jetzt auch erst allmählich.
Den richtigen Platz für mich habe ich leider noch nicht gefunden.
Liebe Grüsse
Christian
Juli 7th, 2010 at 15:33
Hallo, in diesen Beschreibungen finde ich viel wieder. Vor allem das Abtauchen in eine Beschäftigung meiner Wahl war für mich immer sehr befriedignd. Die anderen waren dabei für mich nie eine Orientierung. Ich habe immer noch viele Schwierigkeiten mit Kontakten. Es ist vor allem sehr mühsam für mich, sie aufrecht zu erhalten. Ich habe -widerwillig- gelernt zu “plaudern”, weil ich immer dachte, dass das ja nicht bringe. Aber es bringt was, amn kommt in Kontakt. Ich bin dabei aber nicht entspannt, ich muss überlegen, was ich sage, damit ich mich verbindlich zeige, keine unangenehmen Fragen stelle, nicht zu “vehement” meine Meinung vertrete. Ich habe die Konventionen des Umgangs miteinander lange als “Falschheit” erlebt. Ganz langsam lerne ich, dass es auch nützlich sein kann, ja wohl sein muss, sonst wären sie ja nicht so. Manchmal kann ich die Konventionen jetzt sogar nutzen. Das Paradoxe ist: Gespräche oder Kontakte mit anderen Menschen sind oft anstrengend für mich und ich weiß auch nicht, was sie mir bringen sollen. Gleichzeitig bin ich aber traurig und depressiv, wenn sie nicht stattfinden. Mit über 40 Jahren kapiere ich so langsam, dass es gut tun kann, einfach mit anderen zusammenzusitzen, dass anscheinend das Menschsein dies erfordert, obwohl der Autist über sich meint, dass es ihm nichts bringe. Das ist ein sehr merkwürdiges Dasein, denn ich habe von mir selbst den Eindruck, mich “verwalten” zu müssen, damit der Alltag mit anderen klappt. Manchmal bin ich aber dazu einfach viel zu müde.