Kann ich als Autist…
… einen bestimmten Beruf ergreifen? … ein bestimmtes Amt ausüben ? … ein bestimmtes Ziel erreichen? Solche Fragen werden oft gestellt…Kann man diese Fragen beantworten?
Pauschal vermutlich nicht. Ich habe inzwischen einige Menschen mit Asperger Syndrom oder hochfunktionalem Autismus kennengelernt, darunter einige, die interessante und eher ungewöhnliche Berufe ausüben oder ausgeübt haben. Als Journalist, als Redakteur einer Zeitschrift, als Ingenieur für Kerntechnik oder als Entwickler in der Informationstechnik. Auch Berufe, in denen viel mit Menschen gearbeitet werden muss - wie Lehrer - sind vertreten. Tony Attwood sagte bei seinem Vortrag auf dem Autismusforum 2007 in Köln, dass es wohl keinen Beruf gibt, der nicht auch grundsätzlich von einem Menschen mit Autismus bzw. dem Asperger Syndrom ausgeübt werden könnte.
Aber scheitern nicht auch viele?
Leider nicht. Viele sind lange Arbeitslos. Wehcle Gründe gibt es dafür? Einige haben Probleme wegen zu eingeschränkter Fähigkeiten oder weil ihre Interessen derart fokussiert sind, dass sie in der Arbeitswelt nicht den richtigen Platz finden. Mindestens genauso wichtig sind aber auch ungünstige Rahmenbedingungen. Der eine wird schon während der Grundschulzeit “aussortiert” und trotz guter Fähigkeiten auf eine Schule geschickt, die nur wenig Perspektive bietet, weil es für viele Lehrer schwer verständlich ist, dass jemand trotz sozialer Probleme gute Fähigkeiten haben kann oder weil Entscheidungen über die Schullaufbahn gar als eine Art “Strafe” missbraucht werden. In den letzten Jahren gab es leider einen Trend in diese Richtung, er wurde z.B. durch die vielerorts wieder eingeführten Kopfnoten verstärkt. Jemand anders, fällt vielleicht hinten raus, weil er bei einem Vorstellungsgespräch nicht souverän genug erscheint, obwohl das für den eigentlichen Beruf oft gar nicht so wichtig wäre. Jemand Anders gerät an der Universität ins Hintertreffen, weil er nicht in der Lage ist, schnell Kontakt zu Mitstudenten aufzubauen - alleine ist ein Studium heute kaum zu meistern. Im beruflichen Werdegang gibt es viele Stufen der “Selektion” und man kann annehmen, dass jede dieser “Weichenstellungen” für Menschen mit Autismus schwieriger zu ihren Gunsten zu entscheiden ist, ähnlich wie man es auch bei Kindern aus finanziell benachteiligtem Hintergrund beobachtet.
Wird alles besser durch die Diagnose?
Auf einige der vorher beschrieben Probleme findet man bessere Antworten, wenn man die Diagnose kennt. Leider treten aber oft neue Probleme auf. In Foren diskutieren Eltern, ob man ein Kind mit AS und guten Noten nicht - wegen der kleineren Klassen - doch lieber auf die Hauptschule statt aufs Gymnasium schickt. Eine 17 Jährige wurde diagnostiziert und danach war für die Eltern klar, dass der Führerschein kein Thema mehr sein sollte. Eine Frau mit Autismus hatte gerade ihr Diplom in Mathematik bestanden, die Eltern gaben zu, dass sie bei einer früheren Diagnose den Hochschulbesuch nicht unterstützt hätten. Die Diagnose bietet Antworten - aber auch die Gefahr der Unterschätzung.
Kann ich mit AS ein politisches Amt ausüben?
Auf eine solche Frage in einem Forum reagierte ich mit einer rhetorischen Gegenfrage: Kann ein Mensch ohne Autismus ein solches Amt ausüben? Meine Vermutung ist, die meisten können es nicht, aber einige können es natürlich. Das wird unter den Autisten nicht anders sein. Wer eine solche Entscheidung trifft oder sich für einen Beruf entscheidet, sollte Stärken und Schwächen mit einbeziehen. Wer weis, dass er in einem bestimmten Bereich Probleme hat und das ehrlich berücksichtigt, handelt vernünftig. “AS” ist aber keine konkrete Einschränkung sondern eine abstrakte Definition, der der eine mehr, der andere etwas weniger, aber niemand genau entspricht. Dadurch, dass man seine Diagnose kennt, hat sich an den eigenen Möglichkeiten nichts geändert. Es wäre ein Fehler, nur auf Grund der Diagnose “AS” und dem, was andere darüber geschrieben haben, sich anders zu entscheiden oder sich selbst niedriger einzuschätzen.
Posted in Allgemein |