“Grenz dich nicht aus”
Ein Glas unter Freunden schadet doch nicht? Es kann aber zu seltsamen Missverständnissen führen…
In meiner Jugendzeit hatte ich ein par gute Freunde. Irgendwann begann die Zeit, in der Alkohol ins Spel kam. Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, sind damit alle massvoll umgegangen. Dennoch war eine gewisse Erwartungshaltung spürbar, auch für mich.
Ich selbst habe sehr selten etwas getrunken, meistens habe ich bewusst darauf verzichtet. Meine persönliche Erfahrung war, dass ich, wenn ich etwas getrunken hatte, und dafür reichte schon wenig, zwar entspannt war, aber ich bekam nicht mehr viel mit von dem, was um mich herum geschah. Wenn ich dabei im Frühling draussen sass, schaute ich dann in die Sterne und war irgendwie “ganz weit weg”.
War das schön? Ja, auf jeden Fall. Aber noch viel wichtiger waren mir meine Freunde. Da ich wenige hatte, waren Freunde etwas ganz besonderes für mich und ich wollte die Zeit mit ihnen bewusst erleben. Das war mit Bier nicht mehr möglich. Also trank ich - bis auf wenige Ausnahmen - lieber Cola.
Sehr oft bekam ich zu hören, ich sollte doch eins mittrinken, es hiess “Du schliesst dich aus!”. Sicher, das hat niemand böse gemeint, und man hat akzeptiert, dass ich “nein” sagte. Aber habe ich denn nicht gerade deshalb zum Softdrink gegriffen, eben um mich nicht auszuschliessen?
Es ist für mich OK, wenn andere (in einem vernünftigen Masse) trinken, darum geht es mir nicht. Es geht mir darum, wie absurd Erwartungen von aussen sein können, wenn jemand in seinem Wesen “anders” ist.
Heute nehme ich an, dass ich wegen dem Autismus wesentlich bewusster mit anderen Menschen umgehe und umgehen muss, wenn ich nicht alleine sein will, und genau zu dieser Kompensation bin ich unter dem Einfluss von Alkohol nicht mehr in der Lage. Das wusste ich früher nicht. Damit war es für mich der richtige Weg, “nein” zu sagen.
Posted in Autismus - Beispiele und Geschichten |
Oktober 3rd, 2009 at 21:50
Zitatanfang: “wie absurd Erwartungen von aussen sein können, wenn jemand in seinem Wesen “anders” ist” Zitatende.
Absurd ist die Erwartung (mitzutrinken, dies oder das zu tun…) als solche, egal an wen gestellt und egal ob derjenige anders ist oder nicht.
Und Absurd die Reaktion (die ich auch kenne), sich mit diesem Thema auseinandersetzen zu müssen vor dem Hintergrund seines Anderssein; und sich zu rechtfertigen, vor anderen, vor sich.