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Christian Köhler - Autismus Blog

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Etwas zum Nachdenken….

August 21st, 2008 by admin

Ein par Gedanken, warum es für andere Menschen oft schwer ist, sich Autismus vorzustellen, warum es als Einschränkung gesehen wird, und die Frage ob das auch so richtig ist…

Autismus ist ein komplexes Phänomen und es ist auch bei jedem anders, wir greifen wir ein Merkmal heraus, was oft dazu gehört: Die Schwierigkeit, Emotionen intuitiv und spontan an einem Gesicht zu erkennen.

Nehmen wir mal andere Fähigkeiten. Können sie intuitiv eine gewöhnliche Differentialgleichung dritten Grades lösen? Wenn ja, herzlichen Glückwunsch! Die meisten Menschen werden diese Frage mit “nein” Beantworten. Sie müssen sich intensiv konzentrieren, oder vielleicht haben sie diese Lektion in ihrem Mathestudium auch verpasst. Können Sie denn Autofahren? Vermutlich ja. Können Sie sich denn vorstellen, wie es wäre, wenn Sie es nicht könnten? Als Berufskraftfahrer wird das schwierig für Sie. Dennoch gab es eine Zeit, in der Sie es nicht konnten. Vielleicht ist das schon lange her, aber erinnern Sie sich doch einmal, wie es war, als Sie noch auf den Bus angewiesen waren. Wussten Sie, dass in Deutschland vermutlich 2 Millionen Menschen nicht richtig lesen können? Können Sie sich vorstellen, wie das Leben in dieser Situation ist? Vermutlich nicht. Denn dann würden Sie das hier jetzt nicht lesen. Jeder weis, dass man nicht von Geburt an lesen kann, und es erst lernen muss, trotzdem fällt diese Vorstellung schwer. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich nicht laufen, sondern nur krabbeln könnte. Das ist einfach zu lange her….

Offensichtlich wird die Vorstellung, eine gewisse Fähigkeit nicht zu besitzen schwieriger, je länger wir sie schon haben. Etwas, was wir im Kindergarten gelernt haben, ist selbstverständlicher als der Stoff der Uni. Aber auch laufen haben wir irgendwann gelernt. Wie ist es dann mit Dingen, die ganz selbstverständlich erscheinen ? So wie das mit den Gesichtsausdrücken?

Schlimmer noch, je weiter der Lernvorgang zurückliegt, desto schwerwiegender bewerten wir einen Mangel. Niemand nimmt es einem übel, die höhere Mathematik nicht zu beherrschen. Keinen Führerschein zu haben, ist in vielen Situationen eine Einschränkung, nicht lesen zu können, ist ein gewichtiges Problem.

Etwas so selbstverständliches wie das Erkennen von Gesichtsausdrücken nicht zu können, muss also eine starke Einschränkung, und damit eine Behinderung sein !

Aber ist das wirklich so?

Mozart konnte vermutlich keine Differentialgleichung lösen und war doch genial. Jemand, der nicht das Auto, sondern das Fahrrad nimmt, macht mir sportlich bestimmt etwas vor. Ich habe von einem Schüler gehört, der ohne lesen zu können bis zur Abiturprüfung gekommen ist. Muss man dazu nicht sehr kreativ sein?

Hat dann nicht auch der Autist seine ganz persönlichen Besonderheiten, die sein Defizit - so grundlegend es auch erscheinen mag - ausgleichen oder vielleicht sogar mehr als ausgleichen?

Es wird als schlimm angesehen, dass etwas zu fehlen scheint, was als grundlegend und selbstverständlich angesehen wird - aber ist das auch richtig? Es ist die Übertragung der eigenen Vorstellung davon, was wichtig und grundlegend ist, auf andere.

Aber ist das richtig? Könnte das nicht einfach ein Denkfehler sein?

Posted in Allgemein, Autismus - Beispiele und Geschichten |

3 Responses

  1. Martina Says:
    Juni 3rd, 2010 at 23:06

    Servus Christian,

    ich bin heute auf der Suche nach allgemeinen Informationen zum Thema Autismus über Deine Seite “gestolpert” und möchte Dir zunächst zu Deiner sehr differenzierten, positiven Einstellung und Deiner erfrischend anderen website gratulieren.

    Als Sozialpädagogin glaube ich daran, dass man jeden Menschen in seinem “So-sein” akzeptieren sollte, möchte aber gleichzeitig darauf hinweisen wie schwierig dies sein kann, wenn elementare Fähigkeiten wie z.B. das Erkennen der Befindlichkeit einer anderen Person, also Empathie im weitesten Sinne fehlen.

    Worauf ich hinaus will: Es ist für mich erstaunlich, dass alle websites, blogs, Foren, die von Betroffenen gestaltet wurden, einhellig Akzeptanz und Toleranz für ihr “So-sein” einfordern, aber nicht einen Gedanken daran verschwenden, dass wir anderen ja diese, in Ermangelung eines besseren Wortes schreib ich mal “Normalen” für uns so selbstverständliche Fähigkeit des Mitfühlens, Mitleidens oder zumindest Erkennens einer Befindlichkeit durch die Mimik oder Gestik eines Gegenübers den Autisten gegenüber aufbringen sollen, während ebendiese uns, also den “Normalen” gegenüber durch die Autisten vollständig fehlt.

    Um nicht mißverstanden zu werden: Niemand sollte sich dafür entschuldigen oder gar darunter leiden, dass er blond ist, Plattfüße hat, miserabel im Kopfrechnen ist, Broccoli eklig findet oder das ihm - im Falle des Autismus - Spiegelneuronen im Hirn fehlen. Das macht den entsprechenden Menschen eben aus!

    Tatsache ist jedoch, dass die Fähigkeit des Menschen zur Empathie “normalerweise” angeboren, substantiell, arterhaltend und notwendig ist und es sich dabei keineswegs um eine abstrakte “eigene Vorstellung davon, was wichtig und grundlegend ist” handelt. Auch wenn der betroffene Autist oder Asperger-Kandidat also keinen Leidensdruck hat, weil “etwas zu fehlen SCHEINT, was als grundlegend und selbstverständlich angesehen wird”, dann bedeutet es nichts anderes, als das a) das Fehlen dieses Selbstverständlichen von Betroffenen nicht wahrgenommen wird und b) fehlt tatsächlich etwas.

    Insofern möchte ich also widersprechen, dass es sich um einen Denkfehler handelt und würde mich über Deine Antwort freuen!

    Lieben Gruß
    Martina

  2. admin Says:
    Juni 7th, 2010 at 09:44

    Hallo!

    Das sind alles schwierige Fragen. Zunächst ist mir wichtig, dass unter den Menschen mit Asperger Syndrom keineswegs ein “Konsenz” besteht, wie damit umgegangen werden sollte. Es gibt viele, die sich durch bewusstes Lernen und Nachahmen den nicht autistischen Menschen annähern wollen, sie wünschen sich oft eher Unterstützung bei diesen Bemühungen als Anerkennung in ihrem “so sein”. Andere haben das aber irgendwann auch als Enttäuschung erlebt. Es gibt auch einige, die sagen, das Asperger Syndrom sei eine gesellschaftliche Konstruktion, es gäbe das gar nicht wirklich und entsprechend setzen sie sich selbst damit auch nicht auseinander. Das halte ich aber wirklich eher für die Ausnahme, die allermeisten Betroffenen (wenn sie davon wissen), setzen sich sehr viel mit dem Thema auseinander, besonders auch damit, welche Position sie in ihrem Umfeld haben und wie sie von anderen gesehen werden. Davon, dass sie “keinen Gedanken verschwenden” kann wirklich keine Rede sein.

    Was in meinem Blog steht, ist demnach meine persönliche Sicht, ich kann und will nicht behaupten für “die Aspies”, für eine Mehrheit oder auch nur für irgendwen anders zu sprechen.

    Meine Ansicht ist, dass es ein Problem ist, dass andere annehmen, wir könnten eine Stimmung (oder auch Änderung der Stimmung) am Gesicht ablesen, weil ihnen selbst diese Fähigkeit selbstverständlich ist. Aspies können sich aber sehr wohl auf andere Menschen einlassen und sollten dies auch. Mir sagt zum Beispiel der Tonfall im Gespräch wesentlich mehr oder ich kann auch nachfragen. Das geht aber nicht einfach “auf den ersten Blick” und dafür brauche ich manchmal ein gewisses Verständnis. Es wird oft gesagt, dass unsere eigene Mimik “starrer” wäre und das wird auch durchaus diagnostisch genutzt. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch andere Menschen unsere innere Verfassung nicht so deutlich spüren können und ich erwarte das auch nicht. Das ist auch natürlich, denn etwas, dass ich selbst weniger erlebt habe (andere gut einschätzen können) erwarte ich auch entsprechend weniger von anderen. Wie auch ? Bevor ich über AS bescheid wusste, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass andere in dem Bereich “mehr” könnten… Sie haben also Recht damit, dass ich das “Fehlen” nicht wahrgenommen habe, andere haben es aber auch nicht.
    Ich sehe es eben eher als Fehler an, etwas, dass man selbst selbstverständlich kann auch bei anderen zu vermuten, als nicht zu wissen, dass jemand etwas kann, von dem ich gar nicht weis, dass es das überhaupt gibt. Selbst wenn die überwältigende Mehrheit der Menschen lesen könnte (ich weis nicht, ob das global gesehen so ist), macht der Europäer, der unterstellt, jeder Erwachsene könnte lesen einen Fehler und nicht der Eingeborene auf einer kleinen Insel, der noch nie gehört hat, dass es Schrift überhaupt gibt.

    Natürlich gibt es aber auch kein “Schwarz und Weis” und wir reden normalerweise auch nicht über “vorhandene” oder “fehlende” Empathie. Ist jemand sportlich, wenn er eine halbe Stunde laufen kann oder muss es schon der Marathon sein? Es gibt im Leben viele Abstufungen und dabei macht Autismus keine Ausnahme.

    Christian

  3. zelhar Says:
    Juli 7th, 2010 at 15:54

    Ich finde, wir sind zu stark auf ein Bild von Normalität geeicht. Dass viele Menschen etwas können heißt meiner Meinung nach nicht, dass es dann auch die Latte sein soll, an der die Anderen gemessen werden sollen. “Nomalität” ist nichts anderes als eine demokratische Entscheidung und da gibt es eben eine Mehrheit und viele Minderheiten. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Mehrheit den Standard setzt, für das, was anzustreben ist. Gerade im psychischen Bereich kann das nämlich fatale Folgen haben.

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