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Christian Köhler - Autismus Blog

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Sich nicht mehr verstecken müssen

August 14th, 2008 by admin

Mich haben mehrere Leute gefragt, warum ich über dieses Thema schreibe. Mir und auch anderen wurde sogar schon davon abgeraten, damit so offen umzugehen. Für mich ist das nur ein Grund mehr, es zu tun…Ich wurde gefragt, ob ich keine Angst vor Benachteiligung hätte, wenn ich mit dem Thema Autismus so offen umgehe. 

Diese Sorge ist nicht unberechtigt. Viele Betroffene haben Angst vor Stigmatisierung, aber auch handfester Benachteiligung. Sie haben Angst vor Personalcheffs, die ihnen deshalb den Job verweigern oder auch davor, dass Versicherungen von ihnen absurde Zusatzprämien verlangen würden. All das kann ich nicht verneinen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, z.B. für jemanden zu arbeiten, der mich nicht akzeptiert. Im Beruf kann ich auch meine Stärken gut einbringen, das hat die Erfahrung über Jahre gezeigt. Warum sollte ich mich also verstecken? 

Warum ist es ein Problem, wenn Betroffene sich “verstecken” müssen?

Viele haben sich jahrelang in einer für sie selbst sehr “seltsamen” Welt zurechtfinden müssen. Das erschwert Kontakte mit anderen, es führt nicht selten zu Selbstzweifeln oder gar Depressionen. Die Erkenntnis über den eigenen Autismus ist für viele eine Erklärung. Aber sie sollte auch ein Schritt dazu sein, sich nicht mehr dauernd verstellen und verstecken zu müssen. Dazu ist aber Offenheit nötig! 

Nützt das Verstecken irgendwem?

Auf jeden Fall. Es gibt viele, die ein Interesse daran haben, Autismus in aller Öffentlichkeit so negativ wie möglich darzustellen. Naheliegend ist das bei der Pharmaindustrie, aber auch in der Wissenschaft haben viele von einem negativen Bild sogar direkten finanziellen Nutzen. Auf den Punkt gebracht: Ein Forscher, der sagt, Autismus ist keine Krankheit, wird von niemandem bezahlt! Leider propagieren auch einige Organisationen von Eltern immer noch ein sehr negatives Bild, damit werden extreme Therapieformen oder auch die Unterbringung in Heimen gerechtfertigt. Ich war sogar einmal persönlich dabei, wie jemand aus einer solchen Organisation Betroffenen ausdrücklich davon abgeraten hat, in der Öffentlichkeit erkennbar zu sein. Die haben auch leicht Reden, natürlich gehen sie selbst kein “Risiko” ein, denn in der Öffentlichkeit über Kinder, Patienten oder Studienteilnehmer zu reden, ist viel einfacher als über sich selbst. Es gibt also einige, denen es nützt, wenn viel über und, aber nur wenig mit uns gesprochen wird.

 Wie kann sich etwas ändern?

Das kann so nur Bestand haben, wenn wir dem nichts entgegen setzen. Wichtig ist also, dass wir uns an der Diskussion beteiligen - und zwar nicht nur in Diskussionsforen im Internet unter Pseudonymen. Ich habe einige Menschen mit Autismus kennengelernt, die hochinteressante Persönlichkeiten sind. Einige haben auch beachtliche Erfolge erzielt. Wenn es uns gelingt, dass auch das im Zusammenhang mit autistischen Menschen gesehen wird, dann wird ein Forscher, der einen Gen Test entwickeln will, um möglichst alle Babies mit Anzeichen von Autismus abzutreiben, keine Unterstützung und keine Geldgeber mehr finden. Wenn wir ein positiveres Bild von uns transportieren können, warum sollte es dann für Arbeitgeber noch ein Problem sein?

Das Problem sind nicht Probleme durch den Autismus selbst, sondern ein sehr negatives Bild - und ein Bild kann aktiv verändert werden.

Jeder, dem Autismus diagnostiziert wurde, oder der das zumindest von sich annimmt, soll dazu stehen können. Niemand soll davor Angst haben müssen!

Posted in Allgemein |

4 Responses

  1. Elisabeth Seeliger Says:
    August 21st, 2008 at 09:11

    Hallo Christian,

    Du hast mich ermutigt, mich nicht mehr zu verstecken, denn das ist das Schlimmste von allem, nicht zu sich stehen zu dürfen, sich selbst so sehr zu verleugnen, bis man selbst nicht mehr weiß, wer man ist. Und immer hatte ich Angst vor “Entdeckung”.
    Für mich ist die Sache noch etwas schwieriger als für Dich, da ich keine eindeutige Diagnose habe,dabei bin ich mir ganz sicher. Ich bin noch etwas älter als Du, 46 Jahre. Wir “kenen” uns von Aspergia, vielleicht hast Du eine Idee, wer ich sein könnte, habe mich in Köln und Hannover um eine Diagnose bemüht. Ich kann nichts dafür, dass die Forschung noch in den Anfangsschuhen steckt, ich will nur, dass man mir endlich zuhört und mir glaubt.
    Ohne es zu wissen, hast Du mir in den vergangenen Tagen ungemein geholfen. ich habe nämlich das Video von Dir und Deiner Mutter entdeckt, und es hat mich unglaublich ermutigt.
    Danke Dir und Deiner Mutter. Ich bewundere Euch für diesen mutigen Schritt, und ich finde es sehr gut gemacht, habe es schon mehrmals angescheut und auch anderen gezeitgt. Es wird mich weiterhin ermutigen, denn ich merke, dass da der einzig richtige weg ist.
    An allem anderen zerbreche ich, denn mein ständiges Scheitern im Leben wird von niemandemverstanden.
    Doch jetzt fühle ich mich sogar wieder stark, mich neuen herausforderungen zu stellen und habe zahlreiche Ideen. Wenn ich von Anfang an, die anderen über mich und meine Probleme aufkläre, habe ich/haben wir wenigstens eine chance. Und Du hast vollkommen Recht, wer sich dann als intolerant erweist, der ict für mich “gestorben”, der soll mir einfach nur “wegbleiben”.
    Ich lese heute zum ersten mal hier, aber ic werde das jetzt öfter tun, genaus wie im Forum von Axel, da bin ich auch.
    Liebe Grüße von einer Pflanze, die nicht berührt werden will

  2. admin Says:
    August 21st, 2008 at 22:44

    Danke für die positive Rückmeldung. Daran merke ich, dass sich dies hier lohnt und es einen Sinn hat.

    Es freut mich, wenn es dir hilft, selbstbewusster mit dem Thema umzugehen. Den eigenen Namen zu nennen, ist ein mutiger und grosser Schritt!

    Gruss
    Christian

  3. Plusculus Says:
    Mai 8th, 2010 at 16:37

    Hi Christian,

    wir kennen uns flüchtig aus dem Aspergia-Forum. Ich selbst hatte auch einen Blog, in dem ich all meine Gedanken und Gefühle niederschreiben wollte. Ich gab es auf. Kaum Rückmeldungen. Umso erfreulicher ist es, dass Deine Seite einen festen Platz in der Thematik des Asperger-Syndroms gefunden hat.

    Ich selbst habe ständig versucht mich in “Social Networks” sozial zu engagieren. Grösstenteils habe ich all meine Vorlieben und Schwächen offenbart. Und weißt Du was? Es hat niemanden interessiert. Kurzweilig sind zwei Arbeitskollegen auf meine Seite gestossen und haben mich gefragt. Doch bereits einen Monat später konnten sie sich nicht mehr an das Wort “Asperger” erinnern.

    Sicher, potentielle Arbeitgeber informieren sich vermehrt im Netz über ihre möglichen Arbeitnehmer. Doch wie Du schreibst, wer möchte schon an einem Ort arbeiten, an dem er nicht akzeptiert würde?

    Schriftlich ist es ein Leichtes, sich selbst zu offenbaren, doch wie sieht das außerhalb von Buchstaben aus?

    Ich werden Deinen Blog weiterhin per Feed beobachten und freue mich auf weitere Artikel von Dir.

    Viele Grüße
    Plusculus

  4. admin Says:
    Mai 10th, 2010 at 09:28

    Hallo !

    Das Interesse an dem Thema und dem Blog scheint gross zu sein, die Seite hat laut Webalizer zur Zeit knapp
    200 Besucher pro Tag, das Video bei Youtube insgesamt >20.000 Abrufe, wobei die zweiten 10.000 viel schneller
    gingen als die ersten. Es kommen ja auch immer wieder Kommentare und Rückfragen und Einrichtungen haben
    das Video für Infoveranstaltungen genutzt.

    Wenn du irgendwo im Netz etwas zu dem Thema hast, kann ich dich auch gerne mal verlinken.

    Was die Arbeitgeber angeht, das ist natürlich ein sensibles Thema. Ich glaube aber nicht, dass es wirklich ein Problem ist,
    wer offen mit einem solchen Thema umgeht, hat bei einigen vielleicht sogar Pluspunkte. Es geht ja nicht darum, irgendwelche
    peinlichen Sauforgien im Netz auszubreiten. Persönlich mache ich mir auch keine Sorgen, ich habe neun Jahre in der
    kommerziellen Spieleentwicklung gearbeitet, die ganze Zeit natürlich mit AS und warum sollte ich das in Zukunft nicht mehr können?
    Das ergibt keinen Sinn.

    Gruss
    Christian

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