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Christian Köhler - Autismus Blog

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Diagnose nur mit “Leidensdruck”?

März 3rd, 2010 by admin

In letzter Zeit kam vermehrt die Frage auf, ob eine Diagnose nur ausgestellt wird, wenn bei dem Untersuchten ein Leidensdruck festgestellt wird…Nach Erfahrungsberichten, die in verschiedenen Foren zu lesen sind und auch nach dem zu urteilen, was bestimmte Fachleute oder Personen, die mit Fachleuten in Kontakt stehen, scheint dies gängige Praxis zu sein. Wenn jemand also keinen “kranken” , depressiven oder ängstlichen Eindruck macht, dass man seinen Verdacht auf das Asperger-Syndrom nicht ernst nimmt.

Ich finde das sehr problematisch. Die offiziellen Kriterien für eine Diagnose (nach ICD oder DSM) und auch die üblichen Checklisten (z.B. nach Gillberg) definieren an keiner Stelle, dass Leidensdruck (in welcher Form auch immer) Voraussetzung wäre. Im Gegenteil kann es eine klare Diagnose noch erschweren. Wer depressiv oder ängstlich (auch ohne Asperger-Syndrom!) ist, zieht sich häufig zurück und vermeidet vielleicht auch Blickkontakt oder reagiert weniger spontan. Das könnte entsprechende Testauswertungen deutlich beeinflussen. Eine klare Diagnose müsste also eigentlich in Lebensphasen ohne Leidensdruck sogar einfach und eindeutiger zu stellen sein.

Die gleiche Person kann im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen erleben. Zu einer Zeit sind Stärken, die mit dem Asperger-Syndrom zusammenhängen vielleicht gut nutzbar und alles ist in Ordnung, zu anderen Zeiten kann es aber auch grosse Schwierigkeiten bereiten. Das Asperger Syndrom besteht (oder besteht nicht) für das ganze Leben. Wenn die Diagnose also wirklich von solchen Rahmenbedingungen abhängt, dann ist das rein diagnostisch gesehen eine erhebliche Schwäche.

Auch wegen der langen Suche, die viele Betroffene hinter sich bringen müssen, appelliere ich an alle, die mit der Diagnostik zu tun haben, keine “zu einfachen” Ausschlusskriterien anzuwenden. Jemanden, der einen gut begründeten Verdacht auf Autismus hat und dabei nicht depressiv ist nur deshalb “nach Hause zu schicken”, ist genauso naiv wie ein voreiliger Ausschluss weil die Person gut sprechen kann.

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